Die magischen Welten

Wie übersetzt man eigentlich Fantasy-Welten in eine andere Sprache?

10 Fragen an Ilse Layer, die alle Fantasy-Romane von Laura Gallego García ins Deutsche übersetzt hat

1) Glaubt man den vielen Leserstimmen, dann scheint es fast unmöglich, Laura Gallegos Romane anders zu lesen als fieberhaft in einem Rutsch. Das Übersetzen ist jedoch eine extrem langsame Tätigkeit. Verschlingen Sie die Bücher auch erst einmal am Stück, bevor Sie sich an die Arbeit machen?

 

Klar, ich muss doch wissen, worum es geht! Erstens bin ich einfach neugierig, und zweitens lese ich schon im Hinblick darauf, was für die Übersetzung wichtig ist: Welchen Tonfall hat der Text? Welche Figuren und Themen haben ein besonderes Gewicht? Gibt es spezielle Schwierigkeiten? Z.B. tauchen in ›Der Ruf der Toten‹ am Ende drei Arten von Geistern aus dem Jenseits auf, die mussten im Deutschen gut zu unterscheiden sein. Letztlich habe ich daraus die ›Untoten‹, die ›gerechten Geister‹ und die ›Wiedergänger‹ gemacht.
Fürs Übersetzen selbst braucht man tatsächlich viel Geduld und Disziplin, denn man sitzt den ganzen Tag allein vor dem PC und kommt nur langsam voran. Da beflügelt es mich, wenn ein Buch spannend ist!


2) Und wie sieht es dann beim Übersetzen aus: Kommt es vor, dass Sie Ihre Übersetzung am Ende eines Arbeitstages mitten in einer spannenden Stelle unterbrechen? Oder müssen Sie den Cliffhanger erst zu Ende übersetzen, bevor Sie beruhigt den Computer ausschalten?

 

Mitten in einer spannenden Stelle unterbreche ich nur, wenn es gar nicht anders geht! Sonst nehme ich mir ja selber den Schwung. Jede einzelne Szene muss auch sprachlich aus einem Guss sein, Unterbrechungen merke ich sofort, wenn ich mir meine Übersetzung nachher noch einmal am Stück durchlese, am deutlichsten daran, wenn ich Begriffe, die immer wieder vorkommen, unterschiedlich übersetzt habe.


3) Falten und Löcher im Raum, geflügelte Feuerwesen, Schattenlabyrinthe – Laura Gallego erschafft Welten, die ganz eigenen, nicht unbedingt logischen Regeln folgen, und Figuren und Begriffe, die es außerhalb dieser Welten gar nicht gibt. Wie findet oder erfindet man die entsprechenden Wörter dafür im Deutschen?

 

Zum Teil gibt es die Bezeichnungen schon, wie ›Schwarzmagier‹ oder ›Teletransportationszauber‹, da bin ich beim Schmökern in anderen Fantasybüchern fündig geworden und habe mich auch beim Zaubervokabular inspirieren lassen. Für andere Bezeichnungen musste ich Wörter erfinden, so wie ›Schattenlabyrinth‹, ›Wolfself‹ oder ›Feuertänzerin‹, da probiere ich herum, was inhaltlich passt und gut klingt. Und Wörter wie ›Kin-Shannay‹, die Laura Gallego selbst erfunden hat, die übernehme ich so.


4) Tauschen Sie sich mit der Autorin aus, um zu überprüfen, ob Ihre Übersetzung der ursprünglichen Idee nahe genug kommt? Treffen Sie beide sich vielleicht sogar manchmal?

 

Ja, wenn ich mit meinen Wörterbüchern, spanischen Freunden und dem Internet nicht weiterkomme, frage ich bei der Autorin nach, wie bestimmte Dinge gemeint sind. Einmal hat sie mir sogar eine Zeichnung geschickt, damit ich mir das kleine, kapselförmige Boot, in dem Zaisei Gaedalu ins Ozeanische Reich begleitet (Geheime Welt Idhún Buch 5), besser vorstellen kann.
Wir haben uns auch schon öfter getroffen. Das erste Mal habe ich sie, vor fünf Jahren, in Valencia besucht, da war sie 25 oder 26, wirkte aber viel jünger und fast ein bisschen schüchtern. Als wir über ihre Bücher gesprochen haben, war ihre Schüchternheit aber wie weggeblasen. Besonders beeindruckt hat mich, dass sie seit ihrem 11. Lebensjahr (!) ein Buch nach dem anderen geschrieben hat, auch wenn jahrelang kein Verlag die Sachen veröffentlichen wollte. Aber Laura hat sich einfach nicht entmutigen lassen – und recht behalten!


5) Vor allem im ›Tal der Wölfe› und in ›Idhún‹ erwarten den Leser extrem vielschichtige, umfassende, dichte Welten. Nicht leicht, den Überblick zu behalten über all die seltsamen Wesen, Schicksale, Zwischenwelten, Gefahren und Verschwörungen. Haben Sie da einen Trick?

 

Oh, zum Glück gibt es heute Computer und man ist nicht mehr auf Schreibmaschine und Zettelwirtschaft angewiesen, wie noch vor 20 Jahren. Ich habe beim Übersetzen der beiden Trilogien ungelogen bestimmt Hunderte von Malen in den vorigen Bänden nachgesehen, wie ich bestimmte Dinge übersetzt habe, welche Augenfarbe eine bestimmte Person im ersten Band hatte, Textstellen, die Laura später noch einmal zitiert und die dann natürlich auch im Deutschen gleich lauten müssen. Da war es gut, dass ich das spanische Original ebenfalls als Datei hatte und per Suchbefehl durchforsten konnte. Zusätzlich habe ich Glossare angelegt, also Listen mit Begriffen, die öfter vorkommen und immer gleich lauten müssen, z.B. die Schule im Goldwald, die Nebelberge, die Gräberkobolde. Auch dass man das Internet zum Recherchieren hat, ist eine große Hilfe, trotzdem ist es wichtig, dass man zur Not auch mal einen Muttersprachler fragen kann. Zum Glück ist mein Freund Spanier!


6) Und wenn Sie erst einmal tief eingetaucht sind in diese Welten – kommen Sie da problemlos wieder heraus? Zum Beispiel, wenn Sie zwischendurch kurz einkaufen gehen? Oder stehen gelegentlich unsichtbare Wesen vor Ihnen an der Supermarktkasse?

 

Nein, im Supermarkt müssen die geflügelten Feuerwesen leider draußen bleiben ;-)), aber oft fällt mir an den unmöglichsten Orten, beim Zähneputzen oder am Strand, eine Lösung für ein Übersetzungsproblem ein, über dem ich vorher gebrütet habe! Deshalb habe ich immer Zettel und Stift dabei, wenn ich aus dem Haus gehe, notfalls wird auf den Handrücken geschrieben. Denn beim Übersetzen reicht es ja nicht, einfach die deutsche Entsprechung aus dem Wörterbuch hinzuschreiben, das hört sich dann im Zusammenhang holprig und unbeholfen an.


7) Wenn Sie nach monatelanger Arbeit fertig sind mit der Übersetzung eines Bandes, fällt es Ihnen schwer, die Figuren loszulassen und sich aus ihrer Welt zu verabschieden?

 

Natürlich fiebere ich auch mit den Figuren und ihrem Schicksal mit, aber im Vordergrund steht beim Übersetzen doch die Arbeit mit der Sprache. Und die ist so vielschichtig, die Unterschiede zwischen zwei Sprachen und ihren jeweiligen Erzähl- und Lesegewohnheiten so groß, dass ich – besonders bei so umfangreichen Büchern – auch froh bin, wenn die Arbeit daran nach vielen Monaten und fünf bis sechs Korrektur-Durchgängen abgeschlossen ist. Ein sehr bewegender Moment ist immer, das erste gedruckte Exemplar in den Händen zu halten. Aber die Figuren meiner Übersetzungen begleiten mich eigentlich mein Leben lang weiter, der Abschied ist nie endgültig.


8) Fantasy boomt. Die Fantasy-Welten in Filmen und Büchern sind so unterschiedlich wie zahlreich. Was reizt Sie an dem Genre?

 

Die Überschreitung unseres Realitätsbegriffs. Vielleicht gibt es keine Einhörner und geflügelten Drachen, aber ich bin mir sicher, dass es noch viel mehr gibt als das, was wir mit unserem logischen, rationalen Denken erfassen: Intuition, Gedankenübertragung, schicksalhafte Begegnungen, unrealistische Wünsche, die in Erfüllung gehen...


9) Und was ist für Sie das Besondere an den Büchern von Laura Gallego?

 

Bei ›Idhún‹ und der ›Dana- & Kai-Trilogie‹: Die Mädchenperspektive. Die Kombination aus Fantasy und Liebesgeschichte. Dass ihre Bücher von der ersten Zeile an spannend sind, dass man gleich mitten in die Handlung geworfen wird, dass es nie langweilig wird. Dass Laura es mit ihren Büchern schafft, so viele spanische Jugendliche zum Lesen zu bringen, obwohl in Spanien viel weniger gelesen wird als in Deutschland. Sie ist dort ein richtiger Star, bei ihren Lesungen bilden sich immer lange Autogramm-Schlangen. Und dass Laura ganz unterschiedliche Bücher schreibt. Das nächste, das ich jetzt übersetze, ist ganz anders als die beiden Trilogien.


10) Zuletzt natürlich die Frage nach Ihrem persönlichen Lieblingsbuch der Autorin – und Ihrer Lieblingsfigur ...

 

Mein Lieblingsbuch ist eins, das noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, ein Roman, der im Arabien von 1001 Nacht spielt.
In ›Geheime Welt Idhún‹ faszinieren mich am meisten die Passagen nach Jacks vermeintlichem Tod, als er sich auf Umadhun wiederfindet. Jacks Gespräche mit Sheziss gehören für mich zum dichtesten und spannendsten Teil der ganzen Trilogie, weil man Stück für Stück mitbekommt, dass es auch noch einen ganz anderen Blickwinkel auf die Ereignisse gibt – eine Perspektive, die Jack zunächst völlig fremd und unverständlich ist.


Interview: Birgit Niehaus