Mein Name ist Nkosi und ich habe seit meiner Geburt Aids.

Der bemerkenswerte Nkosi Johnson (11 Jahre) hielt auf der Eröffnungsveranstaltung der XIII. Internationalen Aids- Konferenz in Durban (Südafrika) im Juli 2000 eine Rede. Er war nervös, stolperte über seine Worte, aber er trug seine Botschaft in beeindruckender Weise vor.

 

»Hallo, mein Name ist Nkosi Johnson. Ich lebe in Melville, Johannesburg, Südafrika. Ich bin elf Jahre alt, und ich habe Aids in vorgerücktem Stadium. Ich wurde HIV-positiv geboren. Als ich zwei Jahre alt war, lebte ich in einem Behandlungszentrum für HIV-Infizierte. Meine Mami war natürlich auch infiziert und konnte es sich nicht erlauben, mich bei sich zu behalten, weil sie sehr viel Angst hatte, dass die Leute in der Gemeinde, wo sie lebte, herausfinden könnten, dass wir beide infiziert waren und uns vertreiben würden. Ich weiß, sie hatte mich sehr lieb und hätte mich besucht, wenn sie gekonnt hätte.

 

Dann musste das Behandlungszentrum schließen, weil sie kein Geld hatten. Da sagte meine Pflegemutter Gail Johnson, die eine Direktorin des Behandlungszentrums war und die mich schon für die Wochenenden mit nach Hause genommen hatte, bei einer Vorstandssitzung, sie würde mich zu sich nehmen. Sie nahm mich zu sich nach Hause, und ich lebe seit acht Jahren bei ihr. Sie hat mich gelehrt, was es heißt, infiziert zu sein und wie ich auf mein Blut aufpassen muss, wenn ich falle, mich verletze und blute. Dann muss ich sicherstellen, dass ich meine eigene Wunde abdeckte und mich an einen Erwachsenen wende, so dass er mir hilft, sie zu putzen und ein Pflaster darauf zu kleben.

 

Ich weiß, dass mein Blut nur gefährlich für andere Leute ist, wenn sie auch eine offene Wunde haben und wenn mein Blut da hineinkommt. Dies ist der einzige Fall, wo Leute vorsichtig sein müssen, wenn sie mich berühren. 1997 ging Mami Gail zur Schule, Melpark Primary, und sie musste ein Formular für meine Aufnahme ausfüllen, in dem gefragt wurde: »Leidet ihr Kind an irgendwas?« und sie sagte »Ja, Aids«. Meine Mami Gail und ich sind immer offen mit meiner Aids-Erkrankung umgegangen. Und dann wartete meine Mami Gail auf eine Antwort, ob ich in die Schule aufgenommen werde.

 

Dann telefonierte sie mit der Schule, die sagten: »Wir werden Sie anrufen« und die hatten hinterher eine Besprechung über mich. Bei der Besprechung sagten 50 Prozent der Eltern und Lehrer »ja« und 50 Prozent »nein«. Am Tag der Hochzeit meines großen Bruders entdeckten die Medien, dass es ein Problem mit meiner Einschulung gab. Meine Mami Gail und ich gaben eine Menge Interviews über meine Einschulung. Ich bin sehr stolz zu sagen, dass es jetzt eine Bestimmung für alle HIV-infizierten Kinder gibt, die es ihnen erlaubt, in Schulen zu gehen und nicht davon ausgeschlossen zu werden.

 

Und im selben Jahr, kurz vor meinem Schulbeginn, starb meine Mami Daphne. Sie kam zum Urlaub nach Newcastle. Sie starb im Schlaf. Mami Gail bekam einen Anruf, ich ging ans Telefon und meine Tante sagte: »Kann ich bitte mit Gail sprechen?«. Mami Gail sagte mir sofort danach, dass meine Mami gestorben war, und ich brach in Tränen aus. Meine Mami Gail nahm mich zum Begräbnis meiner Mutter mit. Ich sah meine Mami im Sarg und ich sah, dass ihre Augen zu waren und dann sah ich, wie sie ihn herabließen und sie dann begruben. Meine Oma war sehr traurig, dass ihre Tochter gestorben war.

 

Dann sah ich meinen Vater zum ersten Mal. Ich hatte nie gewusst, dass ich einen Vater hatte. Er war sehr bestürzt, aber ich dachte mir: »Warum hat er meine Mutter und mich verlassen?« Ich hasse es, Aids zu haben, weil ich sehr krank werde und sehr traurig, wenn ich an alle anderen an Aids erkrankten Kinder und Babys denke. Ich wünsche mir nur, dass die Regierung damit anfangen kann, schwangeren HIV-Müttern das Medikament AZT zu geben, um die Übertragung des Virus auf Babys verhindern zu helfen. Babys sterben sehr schnell und ich kenne ein kleines verlassenes Baby, das bei uns geblieben war; sein Name war Micky. Er konnte nicht atmen, nicht essen, er war so krank, Mami Gail musste mit der Sozialhilfe telefonieren, damit er im Krankenhaus aufgenommen wurde, und er starb. Aber er war ein so süßes Baby und ich denke, dass die Regierung damit anfangen muss, es zu tun, weil ich nicht will, dass Babys sterben.

 

Weil ich sehr früh von meiner Mutter getrennt wurde, da wir beide HIV-positiv waren, wollten meine Mami Gail und ich immer ein Behandlungszentrum für HIV-Mütter und ihre Kinder eröffnen. Ich bin sehr glücklich und stolz zu sagen, dass das erste ›Nkosi's Zuflucht‹ letztes Jahr eröffnet wurde. Wir kümmern uns um zehn Mamis und 15 Kinder. Meine Mami Gail und ich wollen bis zum Ende nächsten Jahres fünf ›Nkosi's Zuflucht‹ eröffnen, denn ich möchte, dass mehr infizierte Mütter mit ihren Kindern zusammen bleiben. Sie müssen nicht von den Kindern getrennt werden und können so zusammen sein und länger leben, mit der Liebe, die sie brauchen. Wenn ich größer werde und wenn Mami Gail es mir erlaubt, will ich mehr und mehr Menschen über Aids informieren. Ich möchte, dass die Menschen im ganzen Land verstehen, was Aids ist, dass sie vorsichtig sind und Aids ernst nehmen.

 

Man kann Aids nicht bekommen, wenn man eine infizierte Person anrührt, umarmt, küsst oder ihr die Hand schüttelt. Sorgt für uns und akzeptiert uns, wir sind alle Menschen. Wir sind normal. Wir haben Hände. Wir haben Füße. Wir können laufen, wir können sprechen, wir haben Bedürfnisse genau wie jeder andere auch. Habt keine Angst vor uns, wir sind alle gleich!«


Text: Diakonisches Werk der EKD e.V. für die Aktion »Brot für die Welt« (Hrsg.): HIV / Aids - Unterrichtsmaterial für Sekundarstufe II und Berufliche Schulen. Stuttgart 2002, S. 45f.


Knapp ein Jahr später, am 1. Juni 2001, starb Nkosi Johnson an den Folgen seiner Aids-Erkrankung.