Ein Gespräch mit T.A. Barron

Tom, die Welten in Ihren Büchern sind Fantasiewelten - erst Fincayra und jetzt die Welt von Avalon - aber sie haben in vielen Aspekten große Ähnlichkeit mit unserem Planeten Erde. Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Probleme, die sowohl Ihre künstlich geschaffenen Welten als auch unsere Erde betreffen?

 

Wir haben nur eine Welt, einen Planeten. Es ist eine bemerkenswert schöne Welt, voller Wunder und Geheimnisse, mit zahlreichen Völkern und Plätzen, die es zu entdecken gilt. Aber unser geliebter Planet Erde steckt in Schwierigkeiten. So, wie in meinen Büchern die imaginären Welten bedroht werden, gefährden auch auf der Erde menschliche Gier und Arroganz all die eindrucksvollen Orte und einzigartigen Völker.

Wir zerstören die Umwelt in erschreckendem Tempo und wir verletzen außerdem unsere Mitgeschöpfe, die vielen Tiere, die diese Welt mit uns teilen. Aber es gibt noch Hoffnung! Wir können unsere Erde noch retten, genau wie die mutigen jungen Menschen in meinen Büchern ihre Welten noch retten können.


In vielen Ihrer Bücher äußern Sie eine große Bewunderung für Bäume und Berge. Haben Sie einen Lieblingsbaum oder -berg oder -ort, der Sie inspiriert hat?

 

Ich habe viele Lieblingsbäume und -berge. Aber lassen Sie mich von einem ganz besonderen Baum in England erzählen, der mir sehr viel bedeutet. Nach Abschluss meines Studiums in den Vereinigten Staaten wollte ich in noch einem anderen Land studieren. Deshalb war ich sehr froh, ein Rhodes-Stipendium für die Universität von Oxford in England zu erhalten. Sobald ich in Oxford angekommen war, brach ich zu einem langen Lauf in den Hügeln außerhalb der Stadt auf.

 

Auf dem höchsten Hügel, am Rande eines Feldes, entdeckte ich eine gewaltige englische Eiche. Sie war mehr als 300 Jahre alt, hatte in sich verschlungene Wurzeln, einen gewaltigen Stamm und zwei ausladende Äste, die sich wie die Arme eines mächtigen Zauberers ausstreckten. Deshalb nannte ich den Baum »Merlins Baum«. Oft lief ich dorthin und saß in seinem Schatten, lesend, schreibend oder einfach nur träumend. Auch viele Tiere kamen zu der Eiche - Füchse und Eichhörnchen und Eulen - es war ein Ort, der dem Zauberer Merlin wirklich gefallen würde. Aber natürlich hatte ich damals noch keine Ahnung, dass ich Jahre später ein Schriftsteller werden und ein paar neue Geschichten über Merlin erzählen würde.


Gibt es weitere Inspirationsquellen für Ihre zahlreichen Ideen?

 

Meine beiden größten Inspirationsquellen sind die Natur und Kinder. Die Natur erfüllt mich mit Staunen - der Ablauf der Jahreszeiten, die Struktur eines Blattes, die Form eines Elefanten oder eines tropischen Fischs. Die Geheimnisse des Lebens, die Entwicklung der Gesteinsschichten über Millionen von Jahren hinweg. Wenn ich draußen in der Natur bin, fühle ich mich sehr klein und sehr groß zugleich. Egal, ob ich in einem uralten Wald aus Bäumen stehe, zu den Sternen hochschaue oder die gewaltige Fläche des Meeres betrachte. Ich fühle mich klein, weil diese Bäume und Sterne so viel größer und älter sind als ich. Und gleichzeitig fühle ich mich groß, denn auch ich bin ein Teil der Natur und somit verbunden mit all den anderen Geschöpfen und Orten.

 

Kinder inspirieren mich wegen ihrer Energie, ihrer Offenheit für neue Ideen und ihrer Neugier, alles über die Welt zu erfahren. Wegen ihrem natürlichen Gerechtigkeitssinn und ihrer Bereitschaft zu lachen. Ich liebe es, mit meinen fünf Kindern zusammen zu sein. Wir verbringen viel Zeit miteinander. Unsere Kinder (die alle nach Bergen benannt sind) erinnern mich daran, diese jugendlichen Eigenschaften in mir lebendig zu halten. Und sie liefern mir zusätzlich viele Ideen für meine Bücher!


Welche Bücher haben Sie gelesen, als Sie jung waren? Wer waren Ihre Lieblingsautoren? Und welchen Einfluss hatten sie auf Ihr Schreiben?

 

Tolkien war mein Lieblingsautor, lange bevor die Kinofilme von ›Der Herr der Ringe‹ entstanden. Er hat hohe Maßstäbe für uns Autoren gesetzt, die wir versuchen, neue imaginäre Welten zu erschaffen. Ich denke, Tolkiens größte schriftstellerische Gabe war, dass er die Bedeutung von Details erkannte: Um einen Baum naturgetreu zu beschreiben, muss man jedes einzelne Blatt an jedem einzelnen Ast kennen. Und man muss außerdem wissen, wie sich der Baum im Wind biegt und wie er sich im Wechsel der Jahreszeiten verändert.

 

Als Jugendlicher habe ich auch die Werke vieler naturverbundener Autoren gelesen. Henry David Thoreau war lange Zeit einer meiner Lieblingsautoren. Diese Schriftsteller lehrten mich, wie wichtig es beim Schreiben ist, alle Sinne des Lesers lebendig werden zu lassen. Wenn ich sie als Leser überzeugen möchte, in meine fiktive Welt einzutreten, muss ich zuerst ihr Vertrauen gewinnen. Sie müssen glauben, dass sich diese Fantasiewelt genauso real anfühlen kann wie die Welt, in der wir leben. Dafür muss ich ihnen den ganzen Reichtum von Blicken, Geräuschen, Gerüchen, Berührungen und Geschmacksempfindungen vermitteln.

 

Wenn zum Beispiel dieser Junge auf der ersten Seite von ›Merlin - Wie alles begann‹ an Land gespült wird, dann hoffe ich, dass der Leser genau wie der Protagonist das kalte Salzwasser des Meeres auf der Haut spüren kann. Ich möchte, dass er den salzigen Wind riecht, die schreiende Seemöwe in der Luft hört. Und ich will, dass auch er den Sand auf der Zunge schmeckt. All diese durch die Natur angeregten Sinnesempfindungen lassen die imaginäre Welt für den Leser real wirken und damit glaubhaft werden. Dann können wir beide, der Leser und ich, nach Fincayra oder Avalon reisen und ein großartiges Abenteuer zusammen erleben.


Tom, bevor Sie Schriftsteller wurden, waren Sie Geschäftsmann in der Finanzwelt. Wann haben Sie sich entschieden, Ihren Beruf zu wechseln?

 

Bevor ich als Manager und selbstständiger Unternehmer arbeitete, hatte ich viele verschiedene Jobs: Ich war Wildnis-Führer in Colorado, habe als Lehrer gearbeitet und sogar als Dachdecker in Japan. Aber mein ganzes Leben lang liebte ich es zu schreiben. Schriftsteller zu sein war meine größte Leidenschaft. Doch ich hatte nicht das Vertrauen, es wirklich schaffen zu können. Der erste Roman, den ich noch in meiner Studienzeit in Oxford schrieb, wurde von mehr als 40 Verlagen abgelehnt. Deshalb bezweifelte ich damals wirklich, jemals als Schriftsteller erfolgreich zu werden. Aber ich habe Glück gehabt …


© Interview: Anne Schieckel / dtv junior