Was ist Heimat? Als was sehe ich mich? Wie sehen mich die anderen?
Elke Reichart hat zwölf junge Migranten getroffen und ihnen die Frage nach der Heimat gestellt. Die Antworten sind nüchtern, emotional, traurig, fröhlich, desillusioniert oder hoffnungsvoll - so vielfältig wie die Geschichten selbst. In ›Deutschland, gefühlte Heimat‹ könnt ihr sie lesen:

Marla (16)
"In Deutschland bin ich Deutsch-Türkin, in der Türkei bin ich Deutsche. Ich bin in Berlin geboren, habe einen deutschen Pass…. Ich bin oft in der Türkei - oft und gern! Irgendwann hatte ich mir sogar mal überlegt, die türkische Staatsangehörigkeit anzunehmen - aber dann sagte man mir, ich müsse dafür die deutsche aufgeben. Das wollte ich nicht. Eigentlich ist ja Berlin meine Heimat."

Pinar (25)
"Ich bin Berlinerin mit deutschen Pass und starken Bindungen zur Türkei….Irgendwann hat mein Vater begriffen, dass seine Vorstellung von einer Rückkehr in die Türkei nicht mehr realistisch war. Dass wir Kinder nicht wieder zurück in die Türkei gehen würden. Da hat er für die gesamte Familie deutsche Pässe beantragt und bekommen. Er wollte uns diese demütigende Unterteilung in Ausländer/Deutsche auf den Ämtern und Behörden ersparen, unter der er immer gelitten hatte. ›Das mache ich für euch‹, hat er gesagt. Er wollte uns eine deutsche Identität geben.
Ich habe gut Deutsch gesprochen, bin aber dennoch in meiner Schulzeit immer in die türkisch-muslimische Ecke gedrängt worden. Lange bevor ich das Kopftuch getragen habe. … Ich glaube, das ist meine Aufgabe, nein, mehr noch: Das ist mein Traum - erfolgreich in Deutschland für den Abbau von Vorurteilen gegen uns Moslems zu arbeiten."

André (22)
"Deutschland ist meine Heimat. Es hat durch seine Geschichte eine positive Entwicklung durchgemacht und ist eines der tolerantesten und demokratischsten Länder der Welt geworden. Jeder kann stolz darauf sein, wenn er als Bundesbürger hier leben kann, gesichert durch ein funktionierendes soziales Netz. …Wir fahren mindestens einmal im Jahr zu den Verwandten nach Israel… Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Immer wieder bekomme ich, obwohl ich doch einen deutschen Pass habe, bei der Einreise plötzlich so was wie Heimatgefühle. Weil es in Israel so normal ist, Jude zu sein … Weil man nichts erklären muss … Aber dort leben? Nein. Das ginge nicht. Trotz aller Vergangenheit - ich bin in Deutschland geboren und deutscher Staatsbürger."

Elena (18)
"Die Rückkehr in die Heimat für kurze drei Wochen weckte in mir lang vergessen geglaubte Erinnerungen. Dort wurde mir eines bewusst: Ich bin zwar in Kiew geboren, in mir fließt russisches Blut - doch ich bin schon lange keine Ukrainerin mehr. Ich fühlte mich dort wie eine Touristin. Das Land war mir fremd. Alles war für mich neu, die Kultur, die Mentalität, die Menschen, die ich dachte zu kennen. Ich fühle mich nicht mehr als eine nach Deutschland Eingewanderte. Ich bin in Deutschland zu Hause. Ich bin eine Deutsche … Oder doch nicht?"

Mable (26)
"Es war schön, meine Familie kennengelernt zu haben und zu wissen, wo meine Wurzeln sind. Aber meine Heimat ist jetzt Deutschland."

»Ich glaube, dass das Buch einen wichtigen Beitrag dazu leistet, aufzuzeigen, wie junge Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland leben. Ich wünsche dem Buch viel Erfolg und den jungen Interviewpartnern alles Gute für ihre Zukunft.«
Gerald Asamoah