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Nadine Gordimer über Ruth Weiss
Nachwort zu: Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. 1994, Peter Hammer Verlag GmbH, Wuppertal.
Die Autorin dieses Buches gehört zu den Menschen, hinter deren Leben eine nicht zu beantwortende Frage
steht. Warum entkam dieses kleine Mädchen mit der von den Nationalsozialisten zum Makel gemachten
jüdischen Abstammung dem allzu frühen Tod in der Gaskammer? Warum wagten ihre Eltern mit ihr gerade
noch rechtzeitig die einsame Flucht in ein unbekanntes Land, während andere noch verhängnisvoll
zögerten? Vorsehung, Schicksal - wir wissen nicht, woraus dieser Überlebensinstinkt, dieses so
vollständige Gegenteil des Heimatgefühls, entspringt. Die Heimat zu verlassen heißt, zu überleben.
Doch nicht mit Notwendigkeit lebt man danach glücklich. Ruth Weiss wuchs hernach in einem Land auf,
in dem nicht der gelbe Stern, sondern die schwarze Farbe der Haut das Brandzeichen des Opfers war.
Als Weiße hätte sie damit zufrieden sein können, in Südafrika jene vollen Bürgerrechte zu genießen,
die man den Schwarzen verweigerte. Auch wenn die eingewanderte Familie in Armut lebte, hatte sie doch
unwillkürlich Anspruch auf die bessere, ausschließlich den Weißen vorbehaltene Bildung. Als Weiße hätte
sie ihr Leben lang wie selbstverständlich die ihr automatisch zustehenden Privilegien hinnehmen können,
die man den Schwarzen gleichfalls verweigerte: besondere Verkehrsmittel, gesonderte Bibliotheken,
Theater, Hotels oder auch die Freiheit, ihren Wohnort wie ihren Beruf und Arbeitsplatz nach ihrem Wunsch
zu wählen. Doch tritt uns in der sanften Stimme dieser glaubwürdigen und beeindruckenden Autobiographie
ein Mädchen, eine Frau, entgegen, die die Verantwortung für die Verhältnisse in ihrem Einwanderungsland
gerade so annahm, als wäre sie in diese Bedingungen hineingeboren worden. Noch dazu in einer Weise,
wie dies nur sehr wenige Weiße getan haben.
Ich muss gestehen, dass Ruth Weiss eine zutiefst außergewöhnliche Persönlichkeit und ihr Buch ein
außergewöhnliches Buch ist. Dies ist ein sehr persönliches Urteil, das mehr als 30 Jahre zurückreicht,
was den Respekt, den ich ihr als Person entgegenbringe, betrifft. Er ist durch das Buch, das sie jetzt
geschrieben hat, erneuert worden. Diese schüchterne junge Frau, die ich vor vielen Jahren im Schatten
ihres höchst intellektuellen Ehemannes traf, der um vieles älter war als sie, ließ in ihrem mangelnden
Selbstvertrauen keinerlei Anzeichen jener schöpferischen Intelligenz, jenes politischen Scharfsinns und
jenen Mutes erkennen, die tief in ihrem Inneren schlummerten. Die natürliche Bescheidenheit, die auch
noch die reife Frau in ihrem Selbst-Vertrauen in die eigene Unabhängigkeit und das in den Jahren Erreichte
kennzeichnet, ließ es ziemlich unwahrscheinlich erscheinen, dass sich diese Frau, die dem Leben und
Schicksal anderer so tief verbunden ist, je den Seiten einer Autobiographie anvertrauen würde.
Ich weiß - da ich sie so lange und so gut kenne -, dass es nicht Eitelkeit war, die sie trieb;
nichts könnte ihrer Natur ferner liegen. Ich glaube, dass sie - und dies wird jedem, der dieses Buch
liest, deutlich - in der Rückschau auf ihr Leben erkannte, dass Vorsehung, Schicksal, Zufälligkeit
der Geburt und das Drama der Geschichte - man bezeichne es, wie man es will - ihr Leben einem
Handlungsmuster unterwarfen, das vornehmlich zu diesem Jahrhundert gehört, dass es ein Stück
Menschheitsgeschichte beinhaltet, das man nicht für sich behalten, sondern vor uns, vor ihren
Zeitgenossen, ausbreiten sollte. Denn ein Leben, das von zwei der bestimmenden Ereignisse des
20. Jahrhunderts, dem Faschismus und dem Rassismus in Europa (das dritte war der Aufstieg und
Fall des Sozialismus), und dem Höhepunkt allen Rassismus, wie er sich in Südafrika herausbildete,
grundsätzlich geprägt und bestimmt wurde, ist schon so etwas wie ein Modell für die condition humaine
in unserem Jahrhundert. Und in der zehnten Dekade dieses Jahrhunderts ist die Zeit der Zusammenfassungen gekommen.
Unerwarteterweise fand ich heraus, dass diese schüchterne junge Frau, die so augenscheinlich eine
unterwürfige Schülerin zu Füßen ihres Mannes war, in Wahrheit jene Aufsätze mit politischen
Analysen über die 5oer und 6oer Jahre in Südafrika schrieb, die unter dem Namen ihres Mannes in
bedeutenden deutschen Zeitungen erschienen. Damit sei nicht abgestritten, dass sie eine Menge von
ihm lernte; dies ist vielmehr ein frühes Beispiel, wie Ruth Weiss ihr Leben lang dem Lernen gegenüber
aufgeschlossen war und die Fähigkeit besaß, daran zu wachsen. Sie, die sich so wenig um Geld kümmerte
und immer so wenig davon besaß, wurde sowohl in Afrika als auch in England zur anerkannten
Finanzjournalistin. Sie, die Weiße und Europäerin, hörte auf die Schwarzen in ihrem Land, in Südafrika,
in Zambia und Zimbabwe, lernte von ihnen und wurde zu einer klugen und hoch geachteten Vermittlerin
afrikanischen Gedankenguts, afrikanischer Ziele und Strategien, zur Freundin vieler Schwarzenführer
und - vielleicht ist dies noch wichtiger - einfacher Menschen. Sie hat ihre journalistischen
Fähigkeiten an eine ganze Generation junger afrikanischer Journalistikstudenten weitergegeben.
Ihr Bericht über diese Phase ihres Lebens kommt einer Antwort an all jene gleich, die die Hände heben
und fragen, was ein Weißer in Südafrika tun könne. Ihre Identifikation mit den Problemen Afrikas und
vor allem mit denen der Menschen in den Staaten der südafrikanischen Region ist nicht lediglich eine
Angelegenheit angewandter Intelligenz: Sie hat sich als eine der Ihren erwiesen und wird von den
Afrikanern als solche vollständig angenommen. Afrikanität ist nicht nur eine Frage der Hautfarbe;
sie ist vor allem eine Angelegenheit des Herzens sowie menschlicher Bindung und Anteilnahme; und
Ruth Weiss verfügt über beides.
Diese stille Frau offenbarte Mut bei ihren politischen Verbindungen und Handlungen. Diese wiederum
entstanden aus der nahezu furchteinflößenden Ehrlichkeit, die sie kennzeichnet: Glaubt sie an die
Richtigkeit einer Sache, handelt sie entsprechend, im vollen Bewusstsein der möglichen Konsequenzen.
Im Ergebnis ihres Widerstandes gegen die Apartheid verwehrte man ihr in den Jahren, in denen sie in
anderen Teilen Afrikas sowie in Europa arbeitete, die Einreise nach Südafrika, ihrem Heimatland. Ich
besuchte sie in Zimbabwe und fand ihr Haus wie immer offen für jeden, der Bett und Mahlzeit benötigte -
und manchmal auch Obdach einer ganz anderen Art. Ihr jeweiliges Zuhause in London oder Afrika war immer
sichere Zuflucht für Exilanten und Vertriebene. Rührt dies her von ihrer eigenen, lange zurückliegenden
Kindheitserfahrung als flüchtige Einwanderin? Ich glaube nicht. Sie verfügt über jene Anteilnahme,
die sich auf ganz andere Nöte und Bedürftigkeiten erstreckt als auf jene, die sie einmal erlebte.
Auch wenn ich mit ihr befreundet bin, kann ich ganz objektiv sagen, dass sie die menschlich wärmste
und anteilnehmendste Frau ist, der ich je begegnet bin.
Spricht man von ihr als Frau, so lässt sich an ihrem Lebensweg, obwohl sie nichts weniger als eine
hartgesottene Feministin ist, der mutige wie schwierige Weg einer Frau zur Emanzipation nachvollziehen.
Nachdem sie aufgehört hatte, unter dem Namen eines Mannes - zudem noch ihres Ehemannes - in der
Tradition des 19. Jahrhunderts, der Bronte und der George Eliot zu schreiben, wandte sie sich der Männerwelt
zu, der von Männern beherrschten Welt des Finanzjournalismus und des politischen Kommentars. Und in ihrem
Privatleben gab sie sich nach der Scheidung nicht damit zufrieden, ihre Gefühle verdorren zu lassen und
das Recht auf Mutterschaft aufzugeben, sondern entschied sich dafür, allein ein Kind aufzuziehen. Ich
erinnere mich sehr gut daran, wie sie zu mir kam, um mit mir diese Entscheidung zu besprechen, denn eine
bewusste Entscheidung war es - Ruth ist zwar mutig, hat aber aus ihrem Leben nie ein Hasardspiel gemacht;
das Recht, in einer Welt ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, in der viel zu viele Entscheidungen über
ihr Leben von Regierungen und Diktatoren gefällt wurden, ist ihr heilig. Ich war diejenige, die zweifelte:
Ich wies darauf hin, dass sie keine Familie habe, keinerlei Spargroschen, der ihr dabei helfen könne, ein
Kind allein aufzuziehen und dabei zu arbeiten. Sie aber hatte mehr Mut als ihre Beraterin, und das Ergebnis
war ihr Sohn, ein entzückendes Kind, das nun zu einem wunderbaren Mann herangewachsen ist. Die Zuneigung
zwischen den beiden ist einer der durch seine Wärme überzeugenden Aspekte dieses Buches, das voll von
Anekdoten und Charakteren ist, von den Kaffeehausgesprächen deutschjüdischer Intellektueller, die sich
im Exil in Johannesburg versammelten, und der weißen kolonialen Bohemia der 50er bis hin zu den
dramatischen Treffen und Freundschaften mit schwarzen Politikern überall im südlichen Afrika. Ruths
Talent ist weitschweifig veranlagt und erweckt die Stimmen und Gesichter hinter den politischen
Veränderungen zum Leben.
Ende 1992 gestattete die südafrikanische Regierung Ruth Weiss die Einreise nach Südafrika, und dies
im Zusammenhang mit einer Mission, die deutlich zeigt, wie das Apartheid-Regime bröckelt. Sie kam als
Mitglied einer Kommission des Weltkirchenrates, um die in den von Schwarzen bewohnten Gebieten herrschende,
politisch motivierte Gewalt zu beobachten. Das Mädchen, das einst dem Ghetto entkommen war, kehrte zurück,
um für ein paar Wochen in den riesigen Schwarzenghettos zu leben, die die Apartheid geschaffen hatte. Nach
dieser Erfahrung verbrachte sie ein paar Tage bei mir, schwer betroffen von dem, was sie an Verzweiflung
und Leiden im Leben der Menschen erlebt hatte. Einmal schrieb sie: "... ungeachtet dessen, was einen
bestimmten Vorfall auslösen mag, es gibt nur einen einzigen ursächlichen Grund: Apartheid. Ihr Erbe an
Armut, Entbehrung und Misstrauen, die vernichtenden Auswirkungen auf die Wirtschaft - all dies wird
zumindest für eine Generation Südafrika und sein Hinterland prägen." Und ihr Leben fasst sie
folgendermaßen zusammen: "... Zwei Dinge werden immer mit mir sein: die Liebe meines Sohnes zu mir und
meine zu ihm, und zu Afrika."
Jedem, der dieses Buch liest, wird es offenbaren, wie viel Engagement, Suche, geduldiges Verstehen,
Toleranz, Mut und Wärme dieser einfache Satz im Leben dieser Frau bedeutet.
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Peter Hammer Verlags, Wuppertal.
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