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Biographie, Bibliographie Nadine Gordimer über Ruth Weiss Dietmar Schönherr über »Meine Schwester Sara« Das Buch Interpretationshilfen

Dietmar Schönherr über "Meine Schwester Sara"

Es gibt, laut Statistik, um die zehn Millionen ANTISEMITEN in Deutschland.

Die meisten von ihnen kennen keinen einzigen Juden. Der Antisemitismus sitzt in ihrem Kopf wie eine Trichine.

In Nicaragua sehen viele Leute mit Verachtung auf die Indios herab, mit denen sie kaum jemals in Berührung kommen, von denen sie aber interessanterweise als Mestizen zum größten Teil abstammen.

In Botswana unterhielt ich mich einmal mit einem liebenswürdigen und gescheiten schwarzen Polizisten. Der Hotelier, ein Kolonial-Engländer, fragte mich wütend: "Warum reden Sie mit diesem monkey?"

In England war ich einmal auf einem herrlichen Renaissance-Schloss eingeladen. Nach dem Essen sagte der Hausherr, ein Herzog: "Jetzt würden sich normalerweise Damen und Herren trennen, die Männer reden dann über Politik, die Frauen über das Stricken." Ich sagte zu ihm: "Wenn Golda Meir, die israelische Ministerpräsidentin, mit am Tisch säße, würde die dann auch vom Männergespräch ausgeschlossen?" Der Herzog antwortete: "Golda Meir würde niemals in dieses Haus eingeladen."

Ich will damit sagen, Rassismus gibt es überall. Nur ist unser Antisemitismus so gravierend, weil wir Auschwitz hinter uns haben, und weil die Juden unsere Kultur weitgehend mitgeprägt haben. Ist es anerzogen, ist es die späte Wut über die Opfer, ist es Schuldgefühl oder Neid, was die Unbelehrbaren so umtreibt? Ich weiß es nicht. Der heimische Antisemitismus ist ein unerklärliches Phänomen, offensichtlich auch für die Wissenschaft und die Historiker. Dieses Phänomen ist generationenüberschreitend und geht quer durch die Bildungsgeschichten.

In meiner Schulzeit wurde uns eingetrichtert, dass die Juden an allem schuld sind, weil sie unseren Herrn Jesus ans Kreuz geschlagen haben, und es wurde dabei stets unterschlagen, dass der Nazarener selber Jude war, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, und da unser Erlöser der Sohn Gottes ist, was aus unserem Glaubensbekenntnis unmissverständlich hervorgeht, ist Gott also auch Jude.

Vielleicht ist es ganz einfach so, dass manche Menschen etwas brauchen, was sie abgrundtief hassen können. Und vielleicht kann ein Buch wie "Meine Schwester Sara", das ein menschliches Einzelschicksal erzählt, dazu beitragen, diesem Hass ein wenig den Boden zu entziehen.

Vielleicht.

Denn die Hassbeseelten werden es gar nicht lesen. Man sollte es zur Pflichtlektüre in Schulen machen.

In Berlin schimpfte einmal ein Barmann über die "Saujuden". Ich sagte zu ihm: "Geben Sie mir schnell die Rechnung, bevor ich Ihnen die Fresse poliere." Er wurde ganz blass und stotterte: "Ich wusste gar nicht, dass Sie Jude sind ... ich dachte, Sie sind der Sohn eines Generals." Ich ließ mir auf Heller und Pfennig herausgeben und sagte im Weggehen: "Da sehen Sie, was für Gesindel sich in der deutschen Wehrmacht herumgetrieben hat."

Ich werde ihn jetzt besuchen, falls er noch lebt, und ihm das Buch MEINE SCHWESTER SARA schenken.

Ich bin allerdings nicht so sicher, ob er lesen kann.

Dietmar Schönherr